Revolutionäre Perspektive Berlin

17.06.2009 | Gianni Frizzo

„Die Arbeiterklasse gibt es noch“

Gianni Frizzo, Streikführer in den Officine von Bellinzona: „In diesen Tagen sind die menschlichen Beziehungen zentral“

Einen Termin für ein Interview mit ihm festzusetzen ist ein schwieriges Unterfangen. Alle verlangen nach ihm, alle spornen ihn an, alle wollen ihn. Er findet die Zeit und die Energie um mit allen zu sprechen, um eine Schulklasse auf Besuch in der Officina zu empfangen sowie wichtige organisatorische Details zu besprechen, um die soundsovielte Unterstützungsspende für den Streik zu empfangen sowie um auf die Solidaritätsmitteilungen zu antworten. Ohne es zu beabsichtigen ist Gianni Frizzo eine sehr populäre Person geworden, die Medien streiten sich um ihn. Nach Jahren unermüdlicher Gewerkschaftsarbeit als Präsident der Personalkommission und des Komitees „Giù le mani dalle Officine“ ist er von allen als Streikführer im Industriewerk von Bellinzona anerkannt. 52 Jahre alt, angestellt im Elektromotorensektor nach der Schließung der Sattlerei, hat Frizzo ein Charisma und eine natürliche Sympathie, die ihn für jeden zum angenehmen Gesprächspartner machen. Er nimmt sich in Schutz, sagt, dass er nichts Extraordinäres mache. Am Vorabend der großen Demonstration vom Mittwoch in Bern haben wir ihn gefragt, wie er die ersten zwei Streikwochen erlebt hat.

Gianni Frizzo, wie geht es ihnen nach zwei Wochen Streik?

Sehr gut, ich bin abgeklärt und ruhig. Es gibt einige Ermüdungserscheinungen, aber es gibt kein Zweifeln und kein Bedauern, ich würde alles wieder auf die genau gleiche Weise tun.

Letzten Sommer sagten sie in einem Interview mit Area kampfesmüde zu sein und dass sie in die Gewerkschaften kaum noch Vertrauen hätten.

Es war lediglich einer dieser Momente der Kraftlosigkeit, von denen man sich schnell wieder erholt. Es genügt ein Funke und die Lust gegen die Übergriffe und die Ungerechtigkeit zu kämpfen kommt zurück. Der Funke war der letzte Schlag der SBB-Führung, der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat: unter dem Vorwand, Cargo in die schwarzen Zahlen zu bringen, mussten wir in den letzten Jahren schon eine starke Reduzierung der Anzahl der Beschäftigten, eine deutliche Verschlechterung der Arbeitsbedingungen durch neue Produktionsphilosophien (Kaizen, Toyotismus, Zeitnehmer die den ganzen Tag über die Schultern schauen) und die massenhafte Ankunft von TemporärarbeiterInnen hinnehmen. Jetzt reicht es.

Die Verteidigung der Rechte von prekären ArbeiterInnen ist eine zentrale Komponente ihres Kampfes.

Ja, ihre Situation ist besonders schmerzhaft: es sind KollegInnen bei denen man jeden Tag die Besorgnis im Gesicht ablesen kann. Und was die Sache noch schlimmer macht: von Seiten der Gewerkschaften gab es keine entschiedenen Interventionen, ihr Problem zu lösen. So kam es zu einer natürlichen Spaltung des Personals in der Officina. Der Streik hat alle ArbeiterInnen zusammengeführt und solidarisiert. Wenn wir die Arbeit wieder aufnehmen, werden die Beziehungen zwischen uns verändert sein. ArbeiterInnen und Führungskräfte, die vorher kein Wort miteinander sprachen, streiken heute Seite an Seite, essen und diskutieren zusammen. Sie sind vereint durch das Bewusstsein der Wichtigkeit des Respekts vor dem Menschen und seiner Würde.

Wann ist euch bewusst geworden, dass euer Kampf sich in etwas anderes verwandelt, etwas Größeres, das nicht „nur“ die Verteidigung eurer Arbeitsplätze betrifft?

Schon bei der Versammlung in der Casa del Popolo (dt. Volkshaus) am 28. Februar: ich hatte nur einen Saal reserviert, weil ich wenige Teilnehmer erwartete, aber ich musste die Trennwand zwischen den Sälen öffnen damit alle teilnehmen konnten, die wollten. Da wurde mir bewusst, dass etwas Heftiges geschehen würde. Die Bestätigung war die breite Teilnahme an der Demonstration vom 8. März.

In der Zwischenzeit ereigneten sich auch andere bezeichnende Episoden: die Staatsräte Patrizia Pesenti und Marco Borradori haben zum Beispiel am 3. März den Palazzo delle Orsoline (Tessiner Regierungssitz) verlassen und sich der Demonstration angeschlossen …

Es ist wahr, das war ein sehr bedeutender Moment. Ich hatte den Eindruck, dass die Kantonsmacht darauf wartete, dass jemand den Protest auslösen würde um mit seiner Autorität Einfluss zu nehmen. Es war als hätte der ganze Tessin intuitiv die Müdigkeit und das Unbehagen der Leute an der Front nach immer maßloserer Suche nach Profit erkannt. Allein niemand begann mit dem Protest. Bis die ArbeiterInnen der Officina ankamen.

Inzwischen bemerken die TessinerInnen, dass es immer noch ArbeiterInnen gibt. Das Symbolbild eures Kampfes sind die aufgehängten Arbeitskleider. In einem Kanton, in dem man dazu tendiert zu glauben, dass alle im dritten Sektor (Dienstleistungssektor) arbeiten, habt ihr den Arbeiter und seine Intelligenz wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt.

Das ist sehr wichtig. Ich glaubte nie an das Ende der Arbeiterklasse, sie hat sich verändert, aber sie ist noch da, und wie! Die Mentalität des Arbeiters hat sich verändert, weil man ihm lange glauben machte, dass sich die Hände schmutzig machen nicht schön ist und dass auch er sich bereichern könnte, indem er mit etwas Geld in der Börse spielte. Zudem musste ich in den letzten Jahren leider auch das Aufkommen eines gewissen Egoismus in der Officina feststellen.

In welchem Sinn?

Seit Jahren spricht das Komitee „Giù le mani dalle Officine“ von der Notwendigkeit, die Solidarität auszuweiten. Wir sind in einer Situation der Stärke und haben die Pflicht, die Schwachen zu verteidigen, denn nur in einer Position der Stärke ist man in der Lage die Realität zu beeinflussen. Das ist eine Botschaft, die wir nur mit Mühe zirkulieren lassen konnten, auch innerhalb der Gewerkschaft. In den diversen durchgeführten Umstrukturierungen in diesen Jahren bei der SBB, mussten sich die diversen Kategorien der Beschäftigten mal um mal mit den ergriffenen Maßnahmen arrangieren, sei es das Zugpersonal oder das Personal der Industriewerke in Chur. Auch als wir von Bellinzona unsere Kräfte mit dem Industriewerk in Biel vereinen wollten um eine Kampfstrategie auf nationaler Ebene einzuleiten, wurden wir von der Führungsspitze der Gewerkschaft gebremst: jeder müsse sich mit der eigenen Situation beschäftigen. Jetzt ist es eine ganz andere Dynamik. Auch weil es jetzt nicht die Gewerkschaftsspitze ist, die der Basis sagt, was sie zu tun hat, dieser Kampf ist von der Basis gestartet worden und die Gewerkschaften konnten nichts anderes tun als ihm zu folgen. Eine Bedingung, die wir den Führungsspitzen der Gewerkschaften gestellt haben war, dass sie nicht autorisiert sind, einen Sozialplan auszuhandeln solange dieser Streik am Laufen ist. Nun funktioniert die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften und liefert gute Resultate.

Bleibt das Problem der Erweiterung der Kampffront und der Ausweitung des Kampfes auf die anderen von der Umstrukturierungen bei SBB Cargo betroffenen Orte.

Das ist heute wirklich unsere größte Schwierigkeit. Wir wollen den Kampf ausweiten und wir arbeiten daran, indem wir die Gewerkschaften nicht nur auffordern, unseren Kampf zu unterstützen, sondern auch ihn zu erweitern indem man sich weigert in die Logik des Gesamtarbeitsvertrages (GAV) zurückzukehren. Die Direktion der SBB hat begriffen, dass es in Bellinzona ein Streikkomitee gibt, das sich die Regeln nicht diktieren lässt, aber an den anderen Orten hat sie die Diskussion auf die Sozialpartner beschränkt. Das ist sicher kein guter Dienst für unsere KollegInnen in Schwierigkeit. Wir sind überzeugt, dass dieser Kampf zusammen gekämpft werden muss und sich die Front noch ausweiten lässt.

Inzwischen ist aber die ganze SBB mit euch: jeder Zug der durch Bellinzona fährt pfeift um euch zu unterstützen, ein symbolischer Akt der nicht ignoriert werden kann.

Ich glaube nicht, dass es sich um etwas Improvisiertes handelt: es ist etwas tiefschürfendes, dieses Mal spüre ich eine andere Energie als in den letzten Jahren. Es taucht für einmal ein wenig auf, was es Gutes hat in der menschlichen Seele. Ich lade alle ein, die soziale Phänomene studieren, sich diese Chance nicht entgehen zu lassen, die Officine und alles was darum passiert sind ein außergewöhnliches Laboratorium.

Streiken ist nicht einfach. Man kann Angst bekommen, vor allem dann, wenn die Direktion der SBB dir mit einem persönlichen Brief die Entlassung androht, du kaum dein Haus gebaut und kleine Kinder hast. Abgesehen vom Antrieb vom Rednerpult aus, wie ermutigt man jene, die zweifeln?

Die menschlichen Beziehungen sind fundamental, es ist nötig jene versuchen zu unterstützen, die in einem Tief sind. Es ist eine Aufgabe, die viel Zeit in Anspruch nimmt im Moment, die aber nötig ist. Zudem werden die Leute mit Schwierigkeiten nicht nur während der Streiktage unterstützt, sondern auch im alltäglichen Leben. Es liegt in meiner Art und in der vieler meiner KollegInnen die Sorgen derjenigen anzuhören, die Angst haben und ihnen zu versichern, dass das was sie machen richtig ist und Respekt verdient. Andererseits, wenn ich vor einem Monat von Streik in der Officine gesprochen hätte, wäre es für alle unvorstellbar gewesen. Hingegen sind wir schlussendlich in ganz natürlicher Weise zum Streik gekommen, weil die KollegInnen gemerkt haben, dass der Streik nichts anderes ist, als eine legitime Aktion um die eigenen Rechte und die eigene Würde zu verteidigen. Der Direktor der SBB, Andreas Meyer, hat es noch nicht begriffen, ich musste es ihm am Samstag in Biasca erneut erklären: es ist nur noch er, der unsere Streik für illegal erklärt, im Tessin unterstützen und finanzieren alle vom Kanton bis zur Kirche unseren Kampf, weil sie wissen dass er legal und legitim ist.

Fühlen sie sich nicht unwohl als öffentliche Person?

Ich frage mich häufig, was ich außergewöhnliches gemacht habe. Ich habe immer das gesagt und getan was ich auch heute sage und tue. Die Neuigkeit ist, dass die KollegInnen verstanden haben, dass sie es im Grunde auch wie ich machen können. Es gibt Kollegen, die viel fähiger sind als ich und die schlussendlich den Mut gefunden haben das Wort zu ergreifen und zu zeigen was in ihnen steckt. Wenn meine Person dazu dienen kann, solchen Leuten Kraft zu geben, bin ich darüber glücklich. So gesehen ist es auch in Ordnung, wenn ich die Figur des Leaders habe …

Fühlen sie sich als Leader?

Nein. Aber ich erlebe Situationen, die mich nachdenken lassen. Es verwundert mich nicht, dass es in der Geschichte Diktatoren mit großer Unterstützung aus dem Volk gab, weil man in bestimmten Situationen, wenn viel Vertrauen vorhanden ist, fast jede Idee durchbringen kann. Das verlangt einen starken Sinn für Verantwortung.

Haben sie sogar Angst vor ihrem Einfluss in der Versammlung, wenn zum Beispiel ein Vorschlag von ihnen per Akklamation angenommen wird?

In diesem Moment bin ich überzeugt, dass ich das richtige mache. Zudem ist das was ich sage die Frucht von vielen Gesprächen, die ich jeden Tag mit den KollegInnen führe: was ich am Morgen in der Versammlung sage korrespondiert zum größten Teil mit dem, was sie mir am vorigen Tag gesagt haben. Zugleich aber, wenn ich die KollegInnen in der Versammlung zur Diskussion auffordere, will ich tatsächlich eine Debatte. In früheren Jahren gab es Leute, die mir widersprachen, heute gibt es keinen mehr der mir Unrecht gibt. Das ist nicht mein besonderer Einfluss. Die KollegInnen spüren ganz einfach was ich spüre und lassen sich anspornen, in eine Richtung zu gehen, die auch sie für richtig befinden. Die Versammlung hat dem Streikkomitee das volle Vertrauen ausgesprochen. Ich hoffe die KollegInnen sehen auch, wenn wir Fehler machen.

Der Streik ist wahrscheinlich noch eine viel schwierigere Prüfung für eure Ehefrauen und Lebensgefährten.

Das ist wahr, ich sehe es auch bei meiner Frau. Sie haben mehr Angst als wir, sie wissen, dass wir in der Realität nicht so sicher sind mit dem was wir sagen, auch wenn es so scheint. Sie wissen, dass wir ein großes Spiel spielen, dass wir heute stark sind, aber dass es auch wenig braucht damit alles in sich zusammenfällt.

Gewinnt ihr?

Davon bin ich überzeugt. Wenn wir nicht gewinnen ist das ein brutales Zeichen für all jene, die in Zukunft ihren Arbeitsplatz verteidigen wollen. Denn wenn selbst wir mit all der Unterstützung nicht gewinnen, wird sonst auch niemand siegreich sein. Gewinnen wir aber ist es ein Signal der Hoffnung: wir demonstrieren dann, dass eine Aktion, die mit Würde, Ruhe und der Unterstützung der Bevölkerung durchgeführt wird, siegreich sein kann.

Übersetzung: Basisgruppe Bahn

 

 

Interview mit Gianni Frizzo

Bellinzona, 5. April 2009

Was hat den Streik ausgelöst? Wie ist es dazu gekommen, dass der Funke gesprungen ist, um diesen nicht unbedeutenden Schritt zu tun?

Hier erleben wir eine Situation, die sich mit vielen anderen Betrieben vergleichen lässt, wo seit Jahren Personal abgebaut wird und mit Restrukturierungen die Arbeitsbedingungen verschlechtert werden. Innerhalb der Officina gab es ein Komitee einer Gewerkschaftssektion [des Eisenbahnerverbandes SEV], der ich angehörte. Von 1985 bis 1993 war ich [ehrenamtlicher] Sekretär und von 1993 bis Ende 2007 Präsident dieser Gewerkschaftssektion.

Später, bist Du dann allein ausgetreten oder gab es noch andere?

Genau darum kann man von einem Funken sprechen, der den Streik ausgelöst hat. Seit Jahren vertraten wir eine andere gewerkschaftliche Linie als unsere Zentrale. Unsere Linie unterschied sich von jener der Gewerkschaftsspitzen, die sich zwar jeweils ein wenig auflehnten. Dem ganzen Restrukturierungsprozess aber stellten sie sich nicht wirklich entgegen. So hatten wir zwei Konflikte: einen mit der Firmenleitung und einen internen mit der Gewerkschaftsführung. Während Jahren versuchten wir innerhalb der Gewerkschaft zu arbeiten. Wir versuchten, die Haltung der Gewerkschaftsspitzen zu ändern. Es ist uns nie gelungen. Und die Lage verschlechterte sich immer mehr. Im Jahre 2005 setzten wir die Gewerkschaftsspitzen unter Druck, indem wir als Sektion des Eisenbahnerverbandes SEV eine Übereinkunft mit der Gewerkschaft Unia unterzeichneten. Das war zu einem Zeitpunkt, als wir noch nicht den Austritt aus dem SEV gegeben hatten. Wir standen vor der Wahl, entweder aus dem SEV auszutreten oder diesen Zusammenarbeitsvertrag mit der Unia abzuschließen. Gleichzeitig hatten wir bereits im Jahre 2000 ein übergreifendes Komitee „Giù le mani dalle Officine“ („Hände weg von unseren Werkstätten“) gegründet, dessen Präsident ich war und das für alle gewerkschaftlichen und politischen Kräfte offen war. Wer immer wollte, konnte sich an diesem Komitee beteiligen.

Waren in diesem Komitee nur Arbeiter der Officina oder gab es auch andere?

Das Komitee wurde von der Gewerkschaftssektion geleitet, von den Arbeitern der Officina, ich war Präsident und meine Freunde …

… gab es denn auch Außenstehende?

Es gab auch Externe, und die Entscheidungen, die Abstimmungen wurden vorgenommen, ohne darauf zu achten, wer berechtigt war und wer nicht. Das heißt, alle, die an den Zusammenkünften teilnahmen, konnten ihre Meinung sagen. Wer teilnahm, konnte mitentscheiden. Wenn wir eine Zusammenkunft organisierten, gaben wir ein kleines Zeitungsinserat auf. Alle, die kommen wollten, waren eingeladen. Und wer kam, hatte das Recht zu sprechen und sich an den Beschlüssen zu beteiligen.

… und kamen denn auch Externe?

Ja, es kamen auch Externe. Es war ein Komitee, das den Gewerkschaftsspitzen ziemlich hinderlich war. Denn mit diesem Komitee haben wir verschiedene Aktionen durchgeführt. Im Dezember 2006 gab es bereits einmal eine Arbeitsniederlegung. Morgens um halb sieben haben wir eine Kundgebung durchgeführt, und während der Arbeitszeit haben wir einen Umzug durch die Fabrik gemacht. Das alles wurde von diesem Komitee „Giù le mani“ organisiert. Wir haben Unterschriften gesammelt, wir haben verschiedene tolle Sachen gemacht, die den Gewerkschaftsspitzen natürlich überhaupt nicht gefielen.

Deswegen wussten wir, als dann die Schließungspläne bekannt wurden, mehr oder weniger bereits um den 20. Februar herum, was passieren würde. In der Zwischenzeit – um auf die Frage zurückzukommen – haben fast alle Mitglieder des Komitees den Austritt aus dem Eisenbahnerverband gegeben. Fast alle, ich als Präsident, der Sekretär, der Vizepräsident und zwei weitere, fünf von sieben sind zusammen mit vierzig andern Kollegen aus dem SEV ausgetreten und der Unia beigetreten. Dies auf den 1. Januar 2008.

Deshalb hatten wir um den 20. Februar herum bereits alles gut vorbereitet. Und dann – auf den 28. Februar –haben wir im Volkshaus eine Versammlung für alle Arbeiter der Officine organisiert. Dort haben wir dann beschlossen, innerhalb der Officine eine Urabstimmung durchzuführen, um darüber abzustimmen, wer bereit sei, falls  gravierende Umstrukturierungen angekündigt würden, sich auch an radikalen Kampfmaßnahmen zu beteiligen. An allen Eingängen zur Officina haben wir auf die Arbeiter gewartet und eine geheime Abstimmung durchgeführt. Gleichzeitig haben wir von allen auch die persönlichen Daten aufgenommen, mit Natelnummer, um dann später SMS versenden zu können.

War das in den Tagen nach dem 28. Februar?

Ja, ich erinnere mich nicht mehr genau wann, aber es war in dieser Woche.

Die Abstimmung habt Ihr also schriftlich durchgeführt?

Ja, drinnen und alle … etwa 98 Prozent haben Ja gestimmt und waren mit dem Komitee einverstanden. Dann am Montag, 3. März von ein Uhr am Nachmittag an, haben wir während der Arbeitszeit eine Versammlung durchgeführt. Und dabei kam es zu einem ersten Zusammenprall mit der Direktion, welche diese Versammlung nicht zulassen wollte. Es waren alle Arbeiter versammelt … wirklich eine wunderschöne Sache.

Aber dann wurde wieder gearbeitet bis am Freitag?

Nachher, am Mittwoch haben wir gearbeitet. Aber wir hatten bereits ein Flugblatt verteilt, dass sich am Donnerstag um 9.30 Uhr alle einzufinden hätten, in Erwartung eines wichtigen Entscheids des SBB-Verwaltungsrates zu einem Restrukturierungsplan, den wir offiziell noch nicht kannten.

Und das war am Donnerstag?

Also, am Mittwoch haben wir gearbeitet. Die Direktion hat nochmals versucht, Druck auszuüben und alles zu verhindern. Mich als Präsidenten der Personalkommission haben sie zu sich gerufen, sowie die beiden Sekretäre der Sozialpartner [gemeint sind der SEV und die christliche Gewerkschaft Transfair, die beide den Gesamtarbeitsvertrag mit den SBB unterzeichnet hatten]. Und dort war dann die Wende, als ich der Direktion erklärte, dass von nun an die Leiter der Officine nicht mehr sie, sondern die Arbeiter seien.

Das geschah am Mittwoch?

Am Mittwoch, 5. März. Die andern beiden mussten still sein, denn ich war weder Transfair, noch SEV, sondern Unia. Deshalb war die Sache klar.

Könnte das nicht eine Idee sein, um den Arbeitsfrieden zu umgehen, auch für Deutschland?

Ja, es war eine perfekte Lösung. Trotzdem habe ich mich sehr schlecht gefühlt, ich war am 1. März 1979 dem SEV beigetreten, und 1985 war ich bereits Sekretär der Sektion und 1993 Präsident, mit andern Worten: Es bleibt eine große Verbundenheit. Dennoch spürte ich, dass ich so handeln musste. Und tatsächlich, ich hatte es erraten und den Nagel auf den Kopf getroffen.

Dann, am 5. März haben wir weitergearbeitet und die Direktion hat alle Arbeiter zusammengerufen - nicht in die große Halle der „Pittureria“, es war an einem andern Ort – und sie hat versucht, sie unter Druck zu setzen.

Alle zusammen?

Alle zusammen. Die Direktion wollte ihnen klarmachen, dass es einen Gesamtarbeitsvertrag gäbe, der zu respektieren sei, dass noch gar nichts beschlossen sei, dass sie nicht an der Versammlung teilnehmen dürften, die vom Komitee auf den Donnerstag um 9.30 Uhr einberufen worden war. Sie begannen die Leute einzuschüchtern, und als ich das Wort verlangte und sie mich nicht einmal mehr reden lassen wollten, habe ich gesagt: „Aber hören Sie mal, Sie wollen doch nicht etwa dem Präsidenten der Personalkommission den Mund verbieten,“ Auf eine freundliche Art, aber als dann die Leute allmählich wütend wurden, habe ich den Aufruf für die Versammlung wiederholt. Dennoch war mir klar: die Gewissheit, dass am Donnerstag alle in die „Pittureria“ kommen würden, hatte ich nicht.

Das waren sehr heikle Momente …

Sehr heikle Momente, denn auch als Personalkommission konnte ich nicht auf die innere Geschlossenheit aller zählen … Nun, am Donnerstagmorgen haben wir angefangen, zu arbeiten, und dann haben wir auf der Nordseite des Werks eine rechte Anzahl Leute zusammengezogen. Wir haben auf der Nordseite, wo auch ich arbeite und alle sehr gut kenne, begonnen. Dann sind wir allmählich nach Süden gezogen und haben alle mitgenommen. Zum Glück war auch die große Halle der „Pittureria“ auf der Südseite. Und bereits am Donnerstag haben wir sogleich Tische und Bänke aufgestellt, so dass sich alle bequem hinsetzen konnten und nicht lange unschlüssig und vielleicht eingeschüchtert herumstehen mussten.

Gab es auch solche – temporär Beschäftigte vielleicht – die Angst hatten, den Arbeitsplatz zu verlieren, oder war das nicht von Bedeutung? Wie viele waren zum Zeitpunkt des Streiks fest angestellt und wie viele temporär?

Zum Zeitpunkt des Streiks waren etwa 340 fest angestellt und mehr oder weniger 70 temporär beschäftigt. Es war eine einmütige Beteiligung, wir haben keinerlei Unterschied festgestellt, weil wir selber diese Unterscheidung auch nicht machten. Wir haben versucht, jener Kategorie, die schwächer und größeren Risiken ausgesetzt war, auch eine größere Unterstützung zu geben. Deswegen haben wir spezielle Treffen nur für die Zeitarbeiter organisiert und versucht, ihnen zu erklären ...

Bereits vor dem Streik?

Nicht vorher, aber während der Streikphase. Auch weil der Streik spontan ausgebrochen ist. Vom 3. März an haben alle an unseren Zusammenkünften teilgenommen, und dann war klar, dass zum Kampf aufgerufen wurde, dass an die Solidarität und die Einheit appelliert wurde. Es gab Ansprachen und wir versuchten, die Einheit zwischen den Festangestellten und den Zeitarbeitern zu verstärken. Klar gab es auch Ängste und Schwierigkeiten ...

Auch die Frage der Wahl des Streikkomitees kam ganz spontan, die Ernennung erfolgte unmittelbar, beispielsweise von mir als Präsident des Streikkomitees, und dann Donatello Poggi, Iwan, Mauro Beretta ... das waren Kollegen, die seit Jahren im Komitee waren. Deshalb erfolgte die Ernennung ganz unmittelbar, und niemand hat je diese Köpfe in Frage gestellt. Es gab auch nie einen internen Kampf, auch unter uns war alles klar, und das war eine sehr positive Sache.

Und wie habt Ihr ausgehend vom 7. März nach außen kommuniziert?

Die Kommunikation war das, was wir die Nabelschnur nannten, die uns mit der Bevölkerung verband und die sehr wichtig war. Die Kundgebungen, dann die Präsentationen, die Geldsammlungen, die Konferenzen. In den verschiedenen Ortschaften haben wir lokale Komitees gegründet. Unterstützungskomitees, die von Leuten außerhalb der Officina gebildet wurden. Wir gingen nur als Gäste hin. Wir gingen auch in die Gemeinden und in die Schulen, um den Streik zu erklären. Überall gingen wir hin, um zu klären, was wir taten, weshalb wir es taten usw. Und dann ist auch eine Unterstützung für die Gemeinden entstanden. Es waren ja über 400 Personen, die keine Beschäftigung hatten. Deshalb bildeten wir Arbeitsgruppen und fragten bei den Gemeinden an, ob sie jemanden bräuchten, um Wege zu säubern, ob sie dazu unsere Leute brauchen könnten. Wir waren bereit zu helfen. Das war gewissermaßen unsere Visitenkarte nach außen.

Drinnen organisierten wir Konzerte, Theater, Aktivitäten für die Kinder. Wir machten geführte Rundgänge durch die Officine, um den Leuten unsere Tätigkeit näher zu bringen. Auf diese Weise haben wir eine wirklich sehr enge Beziehung zwischen uns und der Bevölkerung geschaffen. Alle wohnten um die Officine herum, aber niemand wusste wirklich genau, was hier drinnen gemacht wird. Wir haben auch eine Werkskantine geschaffen, wo wir gekocht haben. Um die Mittagszeit kamen die Studenten und aßen für fünf Franken.

Nun zu einem anderen wichtigen Thema: Bei BSH in Berlin gab es zwei Jahre vorher auch einen Streik, der allerdings in den Händen der Gewerkschaftsspitze blieb. Von rund 600 Arbeitsplätzen konnten nur ungefähr 400 gerettet werden, die andern mussten gehen. Es wäre darum wichtig, eine Verbindung zwischen den beiden Belegschaften herzustellen, weil auch für die übrig gebliebenen Arbeitsplätze die Garantiefrist bald einmal ablaufen wird. Auch die Kollegen dort haben einen Moment lang an eine Betriebsbesetzung gedacht, als die Gewerkschaftsführung den Streik abgebrochen hatte. Die Wut der Arbeiter war sehr groß, weil zwei Drittel das Verhandlungsresultat abgelehnt hatten und den Streik fortführen wollten. Doch sie zögerten ein wenig, und drei Stunden später war es nicht mehr möglich. Die Erfahrungen, die Ihr gemacht habt, sind darum auch für andere Betriebe von großer Bedeutung.

Wir haben natürlich schon vor dem Streik begriffen, dass wir es uns nicht leisten konnten, die Entscheidungen den Gewerkschaftsspitzen zu überlassen. Wenn wir zugelassen hätten, dass die Gewerkschaftsspitzen die Sache an die Hand nähmen, wäre das für uns das Ende gewesen. Denn wir haben von gewissen Erfahrungen gehört ... und dann haben wir diese ja auch selber gemacht: die Sozialpartnerschaft, der Arbeitsfriede. Es gibt immer einen Grund, um nie einen wirklichen Kampf auszulösen. Wichtig ist, innerhalb des Betriebes zwei oder drei Persönlichkeiten zu schaffen, zwei oder drei Bezugspunkte für die Arbeiter, die eine Legitimität und eine Glaubwürdigkeit erlangen, die stärker ist als jene der Gewerkschaftsspitzen.

Es ist klar, man muss etwas aufs Spiel setzen und auch schwierige Momente durchstehen, in denen man sehr leidet. Ich habe viele Niederlagen erlebt, wie auch meine Kollegen. Oft kommst du nach Hause und bist wirklich von allem enttäuscht. Jetzt ist es einfach zu reden, weil es den Streik gab und es für uns ein großer Sieg gewesen ist, auch vom moralischen und persönlichen Gesichtspunkt aus. Aber vor dem Streik haben wir sehr schwierige Momente erlebt. Niemand hörte auf dich, die Firmenleitung machte, was sie wollte, die Gewerkschaftsführung ging ihren Weg, und du wusstest nicht mehr, was tun. Dann ist es ganz wichtig, seinen Ideen treu zu bleiben und konsequent zu sein. Das heißt, du darfst nie den Versuchungen nachgeben, die sie dir anbieten, und nur so gelingt es dir, etwas aufzubauen. Es hätte auch bis ans Ende meines Lebens weitergehen können, ohne dass es je einen Streik oder sonst was gegeben hätte. Doch jetzt kann ich sagen: „Schaut, versucht es! Ihr werdet zuerst leiden, aber dann werdet Ihr etwas erreichen.“ Das heißt, wenn du deinen Idealen treu bleibst und nicht von gewissen Werten abrückst und unter keinen Umständen bereit bist, um diese zu feilschen, dann spüren das die Leute. Und wenn du Unterstützung brauchst, dann wirst du Unterstützung bekommen. Und genau das ist geschehen.

Bis zu welchem Punkt war es den Arbeitern klar, dass es neue Kampfformen waren, die weit über die vertraglichen Aktivitäten der Gewerkschaft hinausging? Waren sich alle von Anfang an dessen bewusst? Oder wie ist es zu dieser Bewusstseinsbildung seitens der Arbeiter gekommen?

Es gab verschiedene Faktoren. Vor allem denke ich, dass es sehr wichtig war, einen Bezugspunkt zu haben. Zweitens, das Vertrauen in das während der Versammlungen Gesagte. Sie vertrauten dem, was gesagt wurde und glaubten daran. Ein weiterer Faktor war die Einheit. Die Leute waren nicht mehr isoliert, sondern alle waren eine Masse. Auch wegen diesem „Giù le mani dalle Officine“, alle vierhundert zusammen. Das heisst, sie fühlten sich beschützt und waren ein einziger Körper. Darin, glaube ich, war es ein wenig wie die Strategien, welche die Heere benutzten, wenn sie die Kriegstrommeln rührten. Alle zusammen fühlten sie sich als Einheit, und mit dem Schlachtruf „Giù le mani“ liessen wir sie an etwas teilhaben. Anfänglich trauten einige sich vielleicht gar nicht „Giù le mani“ zu rufen, aber dann haben sie diese Hemmungen überwunden. Und da war es wirklich viel einfacher, wenn du keine Vorurteile mehr hast, nichts mehr, das dich zurückhält ...

Und vor allem auch die Tatsache, dass diese Nachricht des Verrats gekommen ist. Sie fühlten sich verraten. Leute, die sich sagten: Dein ganzes Leben hast du in den Arbeitsplatz investiert, du hast alle deine Energie gegeben und alles, was du hattest. Und dann eines schönen Tages sagen sie dir: „Wir brauchen Dich nicht mehr“, und sie spucken dir auf diese Art ins Gesicht. Diese Sichtweise – das heißt: die Würde – das hat man da sehr gut sehen können. Wenn du die Würde der Leute antastet, dann schnappt bei ihnen eine Feder ein, dann macht es „klick“. Ich denke, dass das sehr wichtig ist.

Denkst Du, dass so etwas schon in den 80er Jahren möglich gewesen wäre, als die Gewerkschaft noch stärker war, oder definierst Du das als „Kampfform des 21. Jahrhunderts”?

Meiner Meinung nach haben die Gewerkschaften schon Mitte der 90er Jahre oder sogar ab 1985 begonnen, diese Konzepte neuer Produktionsphilosophien zu übernehmen, mit welchen per Stoppuhr die Arbeitszeiten erfasst, das Arbeitstempo beschleunigt und verschlechtert wurde. Seitens der Gewerkschaftsspitzen fehlte die wichtigste Eigenschaft, die meiner Meinung nach eine Gewerkschaft haben müsste, nämlich analysieren zu können, was abläuft. Mit andern Worten: Diese Prozesse, die begonnen haben, wohin könnten sie führen? Oder welche Folgen könnten sie für das Personal haben? Angesichts dieser Produktivitätssteigerung, die nicht nur mit der Einführung neuer Maschinen oder durch Automation erzielt wurde, sondern auch mit der Isolierung des Arbeiters, mit dem Individualismus, mit dem Verlust anderer wichtiger Dinge, da haben sie sich lieber auf den wirtschaftlichen Aspekt konzentriert und einzig mit Lohnforderungen gearbeitet und sich nicht um andere, grundlegendere Gesichtspunkte gekümmert, die meiner Meinung nach wichtiger sind: die Lebensqualität und viele andere Aspekte.

Der Streik in der Officina hat große Beachtung gefunden, auch im Ausland. Wie siehst du die internationale Bedeutung dieses Streiks?

Nachdem wir gesehen haben, dass die Globalisierung etwas ist, das uns seit längerem beschäftigt, ist das ein guter Grund, um endlich auch den Kampf zu globalisieren. Oder anders gesagt: Das Problem, das wir haben, besteht darin, wie wir über diesen Kampf diskutieren. Wir wollen nicht Klassenbeste sein, wir wollen nicht jene sein, die andern etwas beibringen. Denn es besteht auch diese Gefahr, dass jemand sagen könnte: „Ihr habt besondere Voraussetzungen gehabt, Ihr seid eine Ausnahme.“ Und wir wollen nicht herumreisen und überall von dieser Besonderheit erzählen: „Beklatscht uns, weil wir so toll gewesen sind!“ Nein, darum geht es nicht.

Ich sage nicht, man könne alles übernehmen und eins zu eins kopieren, aber es gibt Elemente, die hilfreich sein könnten, um jemand anderem – vielleicht auch auf eine andere Art – die Kraft und die Gelegenheit zu geben, diesen Streik zu wiederholen. Denn nach meiner Meinung sind die Schwierigkeiten in der Arbeitswelt, die Schwierigkeiten in der Gesellschaft, überall die gleichen, ob in der Schweiz, in Deutschland, in Italien und sonst wo auf der Welt. Deshalb, entweder überwinden wir diese Schwierigkeiten gemeinsam und es gelingt uns, ein „Rezept“ zu finden, und dann werden wir eben den Kampf globalisieren. Das, denke ich, ist grundlegend und nützlich. Ich glaube nicht an die Besonderheit des Streiks in den Officine. Daran glaube ich nicht. Wer versucht, eine solche Botschaft zu vermitteln, der will jemand anderem die Möglichkeit nehmen, sich zu verteidigen. Und die ersten, die das tun, das sind unsere Gewerkschaften. Das sage ich in aller Deutlichkeit.

Kommen wir nochmals auf das Thema der Enttäuschungen und Niederlagen zurück. Gab es eine persönliche Erfahrung, einen Beweggrund, der Dich dazu gebracht hat, nicht aufzugeben und während all dieser Jahre immer weiterzumachen? Gab es da einen besonderen Umstand?

Vielleicht tönt das banal, ich weiss nicht, aber es ist... die Gerechtigkeit. Ich bin ein Starrkopf. In meinem Leben wurde mir immer wieder gesagt: „Denk an deine Gesundheit! Siehst du nicht, dass du mit dem Kopf gegen die Wand schlägst?“ Aber ich bin stets ein Widder gewesen und ... – ich weiß nicht, wie ich es sagen soll: Ich bin einer, der nicht mehr locker lässt, wenn er sich einmal in etwas verbissen hat. So ist das, und vor allem habe ich immer alle Angebote und Möglichkeiten zurückgewiesen. Auch hier, sie haben mich in Kaderkurse geschickt, um etwas zu werden. Ich habe immer abgelehnt. Vielleicht war ich ein Dummkopf, denn sie sagten mir: „Bist du blöd! Denk doch an deine Karriere! Denk an dich!“ Aber wenn ich morgens aufstehe und in den Spiegel schaue, dann kann ich sagen, dass ich zwar grau geworden bin, aber wenigstens mit dem Gewissen bin ich im Reinen. Vielleicht ist es die Erziehung, die ich als Kind genossen habe. Ich mag keine Ungerechtigkeiten, ich mag nicht als Angsthase leben. In meinem Leben habe ich immer etwas aufs Spiel gesetzt, aber ich bin glücklich damit. Ich beklage mich nicht, ganz im Gegenteil ...

Ich möchte noch anfügen, dass ich sehr zufrieden bin und alles, was ich in meinem Leben gemacht habe, noch einmal tun würde, dass ich eine Ehefrau habe, die mir das nie übel genommen und meine Ideen immer unterstützt hat. Und zweitens habe ich zwei wunderbare Kinder im Alter von 31 und 26 Jahren, die in dieser Hinsicht eigentlich noch besser sind als ich. Sie bringen mir viele Dinge bei über Gesellschaftlichkeit und wie die Gesellschaft aufgebaut werden sollte. Sie haben vielleicht noch klarere Vorstellungen als ich, darauf bin ich deshalb stolz. Und ich spüre, dass ich etwas Gutes im Leben verwirklicht habe, wenigstens in dieser Hinsicht.

Noch etwas anderes, ich habe großes Vertrauen in die Jugendlichen. Auch während des Streiks sind sie gekommen, ich kann sagen, zu Tausenden. Tausende von Jugendlichen. Und noch heute werde ich in Gymnasien und Schulen eingeladen, um über diesen Streik zu diskutieren. Kurzum, ich habe großen Respekt vor der Jugend und denke, dass man sehr stark auf diese Jugendlichen bauen kann. Sie haben meine ganze Bewunderung, denn es ist nicht wahr, dass alle Materialisten sind. Im Gegenteil, es gibt Jugendliche mit guten Eigenschaften. Ich denke, dass der größte Teil von ihnen gute Eigenschaften hat.

Vor allem ist es ein Slogan, der kein Slogan ist, sondern eine Tatsache, ein Beweis, der meiner Meinung nach weiterverbreitet werden kann: Kämpfen lohnt sich! Und hier haben wir ein Beispiel dafür. Wenigstens sollte man nicht aus Angst, eine Niederlage zu erleiden, auf den Kampf verzichten. Niederlagen gehören zum Leben und – wie wir festgestellt haben – dienen sie dazu, daran zu wachsen. Deswegen macht es nichts, wenn der Kampf in einer Niederlage endet. Wichtig ist vor allem, dass er mit Würde geführt wird und mit Respekt seinem Nächsten gegenüber. Denn ein Kampf wird auch geführt, indem der Gegner respektiert wird, und deshalb mittels einer Verteidigung der eigenen Rechte. Es lohnt sich zu kämpfen und sich zu verteidigen. Und vor allem sollte man nicht zu sehr auf irgendwelche Vorwände der Gegenseite hören, die einem weismachen wollen, was sie tun, das sei notwendig.

Mitwirkende des Interviews: Constanze Altmann, Wilfried Dressel, Oliver Schulz, Rainer Thomann