30.01.2019 | Texte & Aufrufe

Heraus zum feministischen Streik am 8. März 2019

Von: Revolutionäre Perspektive Berlin

Diskussionsbeitrag zu Patriarchat und Kapitalismus

Am 8. März 2019 finden bundesweit Frauen*streiks statt. Es gibt zahlreiche Gründe für den Frauen*streik. In Deutschland wird beinahe jeden zweiten Tag eine Frau* von ihrem männlichen Partner oder Ex-Partner ermordet.[1] Frauen* verdienen in Deutschland im Schnitt 22 Prozent weniger als Männer*. Frauen* übernehmen, unbezahlt oder schlecht bezahlt, nach wie vor den größten Teil der Erziehungs-, Haushalts- und Pflegearbeit. Das Selbstbestimmungsrecht von Frauen* über ihren Körper wird durch die Paragrafen 218 und 219a weiterhin eingeschränkt. Die Ursache von all diesen Formen von Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen*, Lesben, Trans* und Inter* sind die patriarchalen Verhältnisse.

Beim Frauen*streik handelt es sich nicht um einen klassischen Streik wie er in Tarifauseinandersetzungen durchgeführt wird. Die Bereiche des Frauen*streiks sind vielfältiger, da es nicht nur um die Lohnarbeit geht, sondern gerade auch um die Arbeit im Haushalt, um Erziehung und Pflege und ehrenamtliche Tätigkeiten, die nicht entlohnt mehrheitlich von Frauen* verrichtet wird. Der Frauen*streik ist auch nicht mit einem Generalstreik gleich zu setzen, denn die Akteurinnen* des feministischen Streiks sind Frauen*, Lesben, Trans* und Inter*.

Im Rahmen der Mobilisierung zum Frauen*streik gab es Diskussionen um die Beteiligung von Männern* am Frauen*streik. Wir wollen uns zu dieser Debatte auch mit unserer Position einbringen. Wir sind der Meinung, dass wenn auch Männer* zum Streik aufgerufen werden, das patriarchale Geschlechterverhältnis ausgeblendet wird und der Streik dann als Kampf aller Beschäftigten wahrgenommen wird. Es sollte durch den Frauen*streik aber gerade das Spezifische an der Unterdrückung von FLTI* durch das Patriarchat zum Ausdruck gebracht werden. Das Patriarchat begreifen wir als Herrschaftsverhältnis zwischen Frauen* und Männern*. Dieses Herrschaftsverhältnis durchzieht alle gesellschaftlichen Bereiche, es ist somit auch innerhalb der lohnabhängigen Klasse präsent.

Es gab bei einer Frauen*streik-Versammlung die Position, dass Männer*, die im Care-Bereich arbeiten, sich am Streik beteiligen können: »Der Ansatz, FLTI* als alleinige Adressatinnen* anzusprechen, würde zu einer Engführung der Bereiche als ›Frauen*frage‹ und an der alltäglichen Arbeit von Menschen in diesen Bereichen vorbeiführen«. Sicherlich sind Kämpfe im Care-Bereich für alle dort Beschäftigten wichtig und zu unterstützen. Der Frauen*streik sollte aber auf FLTI* als Adressatinnen* und Akteurinnen* ausgerichtet sein. An diesem Tag sollten überall die Interessen und Kämpfe von FLTI* im Vordergrund stehen. Es ist etwas anderes, ob FLTI* aller Arbeitsbereiche oder aber Lohnarbeiter*innen des Care-Sektors aller Geschlechter streiken. Im Care-Bereich ist es wichtig, dass dort arbeitende Männer* die streikenden Frauen* unterstützen, wenn zum Beispiel bestimmte Bereiche nicht einfach komplett bestreikt werden können und es nötig ist, dass eine Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen Menschen auch während des Streiks gewährleistet ist.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Männer* haben, um den Streik zu unterstützen, zum Beispiel indem sie die Kinderbetreuung und das Catering übernehmen. Natürlich sollten sich Männer* auch inhaltlich mit dem Feminismus auseinandersetzen und ihr eigenes Verhalten kritisch reflektieren und eine antipatriarchale Praxis entfalten, das heißt sie sollten ihre eigene Männlichkeit in Frage stellen, dementsprechend handeln und feministische Kämpfe unterstützen.

Die Feministin Heidi Hartmann schrieb 1983: »Männer haben ein materielles Interesse an der weiteren Unterdrückung der Frauen. Auf lange Sicht mag dieses zwar ›falsches Bewusstsein‹ sein, da die Mehrheit der Männer davon profitieren könnte, wenn die Hierarchie innerhalb des Patriarchats abgeschafft würde, aber auf kurze Sicht bedeutet das die Kontrolle über die Arbeitskraft anderer Menschen, die die Männer nicht freiwillig abgeben wollen.«[2] Selbst Männer, die sich selbst als antipatriarchal begreifen, befinden sich, ob sie wollen oder nicht, innerhalb des Patriarchats in der privilegierten Position. Deshalb sind Männer* für uns nicht in gleicherweise wie FLTI* die Subjekte des feministischen Kampfes.

Einige Aktivistinnen* sprechen sich eindeutig für eine Beteiligung von Männern* aus: »Für den Aufbau gesellschaftlicher Relevanz brauchen wir jedoch nicht nur die Frauen. Männer haben eigene Forderungen im Kampf gegen Patriarchat und Kapital und müssen diese auch politisch formulieren lernen. Neben Zuarbeit wie Drucken und Verbreiten von Flyern und Postern können Männer, in Absprache mit den lokalen Komitees, auch eigene Aktionen planen und durchführen. Von Arbeitsniederlegungen bis zu kreativen anti-patriarchalen Protestformen am 8. März, braucht der Frauenstreik die Beteiligung von lohnabhängigen Männern um das gesamte Potenzial der Klasse auszuschöpfen.«[3]

Bei diesem Ansatz wird unserer Meinung nach die Klassenfrage in den Vordergrund gestellt. Außerdem wird immer wieder der Kapitalismus als eigentliche Ursache der Unterdrückung von Frauen* betrachtet. Dies zeigt sich zum Beispiel, wenn der Kapitalismus als Ursache von männlicher Gewalt gesehen wird: »Denn Gewalt ist Männern nicht inhärent, sondern ist als Normalfall tief verwurzelt in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Diese bringt notwendigerweise gewaltvolle, toxische Männlichkeiten durch ihre gesamten Institutionen systemisch hervor.«[4] Der Kapitalismus verstärkt mit seinem Konkurrenz- und Leistungsdenken sicherlich gewalttätiges Verhalten. Dass Gewalt in Form von Mord und Körperverletzung aber vor allem von Männern* ausgeht, ist ein Ausdruck des patriarchalen Geschlechterverhältnisses.

Die männliche Herrschaft hat sich lange vor dem Entstehen des Kapitalismus, ja selbst vor dem Entstehen des Privateigentums, herausgebildet. Engels erwähnt den »Frauenraub«, in der Phase vor dem »Sturz des Mutterrechts«, das heißt bevor es seiner Meinung nach durch die Änderung der Erbfolge zur Frauen*unterdrückung kam: »Wenn der junge Mann mit Hülfe seiner Freunde das Mädchen geraubt oder entführt hat, so wird sie von ihnen allen der Reihe nach geschlechtlich gebraucht, gilt danach aber auch für die Frau des jungen Mannes der den Raub angestiftet hat.« Engels analysiert diese Praxis allerdings nicht als Teil patriarchaler Verhältnisse, sondern nur in Bezug auf den Übergang von der Gruppen- zur Paarungsfamilie. Die Feministin Gerda Lerner beschreibt die Entstehung des Patriarchats als Prozess, der sich in einem Zeitraum von etwa 2500 Jahren, ungefähr von 3100 bis 600 vor unserer Zeitrechnung vollzogen hat. Laut Lerner geschah: »die Aneignung der sexuellen und reproduktiven Kapazität der Frauen durch die Männer vor der Entstehung des Privateigentums und der Klassengesellschaft.«[5]

Von Marxist*innen wird der Frauen*kampf häufig vor allem aus dem Blickwinkel des Klassenkampfes analysiert und dementsprechend der Kapitalismus als das zentrale Herrschaftsverhältnis betrachtet. Dazu schrieb Heidi Hartmann: »Die feministische Frage zielt auf die geschlechtsspezifischen Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern, auf männliche Vorherrschaft über Frauen. Die meisten marxistischen Analysen über die Frauensituation beschäftigen sich eher damit, in welchem Verhältnis die Frauen zum ökonomischen System stehen, als mit dem Verhältnis der Frauen zu den Männern, offenbar voraussetzend, dass die letztere Frage in ihrer Diskussion über die erstere geklärt wird.«[6]

Es wird oft davon ausgegangen, dass Rassismus und Patriarchat Herrschaftsinstrumente des Kapitalismus sind, die vor allem zur Spaltung der Masse der Lohnabhängigen genutzt werden. Es ist richtig, dass durch Rassismus und Sexismus gespaltene Belegschaften leichter vom Kapital gegeneinander ausgespielt werden können. Die Unterdrückung der Frauen* nützt somit zwar dem Kapitalismus, der Kapitalismus ist jedoch nicht die Ursache der Unterdrückung der Frauen*. Der Kapitalismus hat ein Jahrtausende altes Herrschaftsverhältnis übernommen. Hausarbeit wird vor allem von Frauen* verrichtet und nicht oder gering entlohnt. Der Kapitalismus zieht seinen Nutzen aus dieser Arbeit, da Kochen, Putzen, Wäsche waschen und vieles andere notwendig sind, um die Arbeitskraft der Lohnarbeiter*innen zu reproduzieren. Dass es vor allem Frauen* sind, die Haus- und Care-Arbeit verrichten, liegt an der geschlechtshierarchischen Arbeitsteilung, die bereits vorher bestand. Auch in der Erwerbsarbeit sind vor allem Frauen* und People of Colour im Niedriglohnsektor beschäftigt, was an den patriarchalen und rassistischen Strukturen der Gesellschaft liegt.

Wir gehen davon aus, dass die Gesellschaft durch die grundlegenden Herrschaftsverhältnisse Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat bestimmt ist. Dabei finden wir es einerseits wichtig, die Verschränkung der Herrschaftsverhältnisse zu beachten und anderseits das Spezifische jeder Form von Unterdrückung zu analysieren. Während im Marxismus das Geschlechterverhältnis oft ausgeblendet wurde, wurde im weißen Feminismus der Rassismus häufig nicht beachtet. Schwarze Feministinnen haben auf diesen blinden Fleck in feministischen Bewegungen hingewiesen und kritisiert, dass weiße Feministinnen in ihren Analysen und Kämpfen die Perspektiven schwarzer Frauen* nicht einbezogen haben. Dazu schrieb Gloria Joseph: »Weiße Feministinnen müssen lernen, mit der Tatsache entsprechend umzugehen, dass Kraft ihres Weißseins sie Unterdrückerinnen als auch Unterdrückte sind.«[7]

Als Kommunist*innen wollen wir die verschiedenen Kämpfe gegen Patriarchat, Klassenherrschaft und Rassismus aufeinander beziehen, damit sie sich gegenseitig verstärken können, ohne aber den einen Kampf dem anderen unterzuordnen. Wir versuchen klassenkämpferische und antirassistische Positionen in feministische Kämpfe zu tragen und feministische und antirassistische Positionen im Klassenkampf einzubringen.

Patriarchat, Kapitalismus und Rassismus überwinden!

Der Frauen*streik am 8. März ist eine wichtige Möglichkeit um feministische Kämpfe bundesweit und international sichtbar zu machen und mit verschiedensten Aktionsformen unseren Widerstand gegen die patriarchalen Verhältnisse deutlich zu machen.

Für eine feministische Revolution!

 

Einzelnachweise

  1. Studie des BKA zu Partnerschaftsgewalt 2017, nach der 147 Frauen* von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet wurden
  2. Hartmann, Heidi (1983): Marxismus und Feminismus: Eine unglückliche Ehe, in Frauen und Revolution, Seite 39
  3. Roldán Mendívil, Eleonora (2018): Und alle Räder stehen still …
  4. Roldán Mendívil, Eleonora und Wardasbi, Bahman (2018): Feminismus und die Befreiung des Mannes
  5. Lerner, Gerda (1995): Die Entstehung des Patriarchats, Campus Verlag, Seite 25
  6. Hartmann, Heidi (1983): Marxismus und Feminismus: Eine unglückliche Ehe, in Frauen und Revolution, Seite 31
  7. Joseph, Gloria (1983): Das disharmonische Dreiecksverhältnis: Marxismus, Feminismus und Rassismus, Seite 162

Tags: Feminismus, Frauenkampf, Sexismus, Streik

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